Ein bewährtes System unter Anpassungsdruck


Alterung der Bevölkerung, neue Arbeitsformen, Digitalisierung: Die Schweizer Sozialversicherungen müssen sich an neue Gegebenheiten anpassen.

Nach 17 Jahren als stellvertretende Direktorin hat Natacha Hayoz am 1. Juni die Leitung der AHVAusgleichskasse FER CIFA in Freiburg übernommen. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung innerhalb der Institution hat sie die zahlreichen Entwicklungen der Sozialversicherungen über viele Jahre hinweg aus nächster Nähe verfolgt. Sie spricht über die Herausforderungen, denen das Schweizer System gegenübersteht, darunter die Überalterung der Bevölkerung, der Wandel in der Arbeitswelt, die Digitalisierung und die Finanzierung der Altersrenten.

Frank-Olivier Baechler

Welche wesentlichen Veränderungen haben Sie in den letzten Jahren im Bereich der Sozialversicherungen beobachtet?

Der Wandel war beträchtlich, insbesondere im digitalen Bereich. Als ich anfing, waren einige Prozesse noch sehr veraltet. Auf einigen Bürotischen standen sogar noch Schreibmaschinen, um bestimmte Korrekturen vorzunehmen! Heute steht unseren Mitgliedern ein E-Service-Portal zur Verfügung, über das sie ihre Rechnungen einsehen, Mitarbeitende anmelden, Familienzulagen beantragen oder verschiedene Formalitäten online erledigen können. Der nächste Schritt besteht darin, die digitalen Dienstleistungen für die Versicherten weiter auszubauen. Diese Entwicklung ist insbesondere Teil der für 2027 geplanten Umstellung auf ein neues IT-System.

Die Sozialversicherungen vermitteln manchmal den Eindruck, sehr stabil, ja fast unbeweglich zu sein. Ist das irreführend?

Ja, denn der Bereich entwickelt sich ständig weiter. Unsere Tätigkeiten beschränken sich nicht auf die AHV, sondern umfassen auch die Familienzulagenkasse sowie die Zwischenbetriebliche Kasse für berufliche Vorsorge (ZKBV). Dabei gibt es zahlreiche gesetzliche Änderungen. Bei den Familienzulagen bestehen beispielsweise ein Bundesgesetz sowie 26 kantonale Gesetze. Hinzu kommen internationale Entwicklungen: Die Menschen sind mobiler, arbeiten vermehrt im Homeoffice und sind manchmal in einem anderen Land tätig als dem, in dem sie wohnen. Das macht bestimmte Fälle komplexer.

Die Alterung der Bevölkerung setzt die Finanzierung der AHV unter Druck. Welches sind die grössten Herausforderungen?

Die grösste Herausforderung ist bekannt: Immer weniger Erwerbstätige finanzieren die Altersrenten. Heute kommen auf eine AHVRentnerin oder einen AHV-Rentner rund 2,3 Erwerbstätige – ein Verhältnis, das in den letzten fünfzehn Jahren um etwa ein Drittel gesunken ist. Die Babyboomer gehen in Pension, die Lebenserwartung steigt, und die Renten müssen über einen längeren Zeitraum ausgerichtet werden.

Ist eine Anhebung des Rentenalters langfristig unvermeidlich?

Wir sind ein Vollzugsorgan und nehmen zu politischen Entscheidungen keine Stellung. Eines ist jedoch sicher: Die Finanzierung der AHV wird zusätzliche Mittel erfordern. Regelmässig werden verschiedene Ansätze diskutiert, sei es in Bezug auf die Beiträge, die Mehrwertsteuer oder das Rentenalter. Im Projekt AHV 2030 gehört die Anhebung des Rentenalters jedoch nicht zu den derzeit diskutierten Massnahmen, was zeigt, dass das Thema nach wie vor besonders heikel ist.

Erfüllt die erste Säule noch ihre ursprüngliche Aufgabe?

Die erste Säule hatte zum Ziel, das Existenzminimum zu sichern. Heute ist dies für viele Menschen nicht mehr der Fall. Die maximale AHV-Rente beträgt derzeit 2520 Franken pro Monat, die durchschnittliche Rente liegt jedoch weiterhin unter 2000 Franken. Das Drei-Säulen-System ist grundsätzlich nach wie vor sinnvoll, doch die AHV allein reicht in der Regel nicht aus, um den finanziellen Bedarf im Ruhestand zu decken.

Die Arbeitswelt verändert sich rasch. Sind die Sozialversicherungen noch auf diese neuen Gegebenheiten ausgerichtet?

Das System hat manchmal Mühe, Schritt zu halten. Die beruflichen Laufbahnen sind weniger geradlinig als früher: Teilzeitarbeit, Auslandsaufenthalte, Karriereunterbrüche oder Statuswechsel sind heute häufiger. Für eine volle AHV-Rente ist jedoch eine lückenlose Beitragsdauer während 44 Jahren erforderlich. Eine Unterbrechung der Erwerbstätigkeit oder ein Auslandsaufenthalt, selbst in jungen Jahren, können Auswirkungen auf die spätere Rente haben.

Die Arbeitnehmenden wünschen sich mehr Flexibilität, insbesondere beim Eintritt in den Ruhestand. Lässt das System dies wirklich zu?

Die letzte AHV-Revision hat mehr Flexibilität eingeführt. Es ist nun möglich, sich für eine Teilrente zu entscheiden, den Ruhestand schrittweise anzutreten und den Übergang dazu individuell zu gestalten. In der Praxis werden diese Möglichkeiten jedoch wenig genutzt. Für viele Versicherte sind die Vorteile bescheiden, und eine Reduktion der Arbeitszeit ist mit Einbussen verbunden, die schwer zu tragen sind. Auch die Arbeitgeber müssen in der Lage sein, solche Übergänge zu begleiten. Es gibt also mehr Flexibilität als früher, aber sie steht nicht allen gleichermassen offen.

Wie wird eine AHV-Kasse in zehn oder fünfzehn Jahren aussehen?

Die Digitalisierung wird weiter voranschreiten, mit mehr Automatisierung bei einfachen Aufgaben und zusätzlichen Online-Tools für die Versicherten. Auch die künstliche Intelligenz wird bestimmte Abläufe vereinfachen können. Die persönliche Betreuung wird jedoch unverzichtbar bleiben. Unsere Aufgabe wird es sein, die Modernisierung unserer Dienstleistungen voranzutreiben und gleichzeitig eine enge Beziehung zu den Versicherten und den angeschlossenen Unternehmen zu pflegen.

Sind Sie trotz aller Bedenken zuversichtlich, dass sich das Schweizer System weiterentwickeln kann?

Ja, ich denke, wir müssen zuversichtlich bleiben. Das Schweizer System hat es immer wieder geschafft, sich weiterzuentwickeln, manchmal zwar etwas langsam, aber stets auf der Grundlage breit abgestützter Lösungen. Die Solidarität der ersten Säule muss bestehen bleiben, ebenso wie das Gleichgewicht zwischen kollektiver und individueller Verantwortung. Das System wird seine zentrale Rolle auch künftig erfüllen können, vorausgesetzt, es passt sich den gesellschaftlichen und demografischen Veränderungen weiterhin an.

Drei häufige Fehler, die im Ruhestand teuer zu stehen kommen

1. Eine AHV-Beitragslücke zu spät entdecken

Für eine volle AHV-Rente ist eine lückenlose Beitragsdauer während 44 Jahren erforderlich. Ein Auslandaufenthalt oder eine Unterbrechung der Erwerbstätigkeit, selbst im Alter von 20 oder 25 Jahren, können Auswirkungen auf die spätere Rente haben. Es ist deshalb ratsam, den individuellen AHV-Kontoauszug regelmässig zu überprüfen, da es keinen Rückkaufmechanismus wie im BVG gibt.

2. Den Vorsorgeausweis der Pensionskasse vernachlässigen

Anhand dieses Dokuments lässt sich abschätzen, über welches Einkommen man im Ruhestand verfügen wird. Dennoch schenken viele Versicherte ihm nur wenig Beachtung. Wer den Vorsorgeausweis regelmässig prüft und die darin enthaltenen Informationen versteht, kann allfällige Abweichungen zwischen dem erwarteten Einkommen und der späteren Realität frühzeitig erkennen.

3. Zu glauben, dass die AHV ausreicht, um den Lebensstandard zu halten

Die AHV bildet eine wichtige Grundlage, reicht aber nicht aus, um den bisherigen Lebensstandard nach der Pensionierung aufrechtzuerhalten. Je früher man sich mit der eigenen Vorsorge befasst, desto grösser ist der Handlungsspielraum und desto eher lassen sich unangenehme Überraschungen vermeiden.