Am 14. Juni 2026 wird das Schweizer Stimmvolk über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative oder «Keine 10-Millionen-Schweiz!», die von der SVP eingereicht wurde, abstimmen können. Diese Vorlage will eine Bevölkerungsobergrenze in der Verfassung verankern – ein Novum in der Geschichte des Landes. Ivan Slatkine, Präsident der Vereinigung der Westschweizer Unternehmen (Fédération des Entreprises romandes FER), beantwortet unsere Fragen. Er ruft die Freiburger Unternehmerinnen und Unternehmer dazu auf, die Bedeutung dieser Abstimmung nicht zu unterschätzen.
Die FER lehnt die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» entschieden ab. Was hat Sie als Präsident der FER davon überzeugt, dass diese Vorlage für die Wirtschaft der Westschweiz gefährlich ist?
Der Initiativtext ist sehr einfach. Er strebt Nachhaltigkeit an, indem er die Frage nach dem von uns angestrebten Wachstum aufwirft. Für die FER beruht er auf einer gut gemeinten, aber falschen Idee. Unser Land baut auf Weltoffenheit, die es uns ermöglicht, qualifizierte und unqualifizierte Arbeitskräfte zu rekrutieren, die unsere Wirtschaft dringend benötigt. Das Vorhaben würde den Personalmangel verschärfen, insbesondere in Spitälern, im Pflegebereich, im Gastgewerbe und in der Gastronomie. Die Annahme dieser Initiative wäre eine echte Katastrophe, denn das Wachstum der Schweiz basiert heute auf der Zuwanderung von Arbeitskräften. Über 70 Prozent der EU-/EFTA-Bürgerinnen und -Bürger, die in die Schweiz eingewandert sind, sind mit der Absicht gekommen, einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Der Wohlstand der Schweiz beruht auf ihrer Offenheit, und die Initiative stellt diese Offenheit direkt in Frage.
Was bedeutet das konkret für KMU-Unternehmerinnen und -Unternehmer in der Westschweiz oder im Kanton Freiburg, falls diese Initiative angenommen würde?
Die Auswirkungen wären nicht sofort spürbar. Doch sobald die Schweiz die Zuwanderung stark drosseln müsste, um unter der Einwohnerzahl von zehn Millionen zu bleiben, könnten die Unternehmen nicht mehr die Fachkräfte einstellen, die sie benötigen. Dies würde auch zu einem Ungleichgewicht zwischen den Regionen führen. Wer hätte Vorrang? Zürich? Die Genferseeregion? Freiburg? Die Initiative gibt auf diese Frage keine Antwort und könnte Kantone wie Freiburg benachteiligen.
Schweizer Unternehmen bilden Fachkräfte aus, doch dies reicht eindeutig nicht aus, um das Wachstum des Landes zu sichern. Verfügen Sie über Zahlen dazu, wie viele Arbeitskräfte der Schweizer Markt benötigt, um weiterzuwachsen?
Die Schweiz sieht sich mit zwei bedeutenden demografischen Entwicklungen konfrontiert: einer niedrigen Geburtenrate und Eintritt einer massiv grossen Zahl von Babyboomern in den Ruhestand. Gleichzeitig bleibt die Wirtschaft dynamisch, was die Spannungen auf dem Arbeitsmarkt verschärft. Vor diesem Hintergrund sieht sich das Land mit einem Arbeitskräftemangel konfrontiert, der sich auch ohne die Initiative weiter verschärfen dürfte. Prognosen zufolge könnten der Schweiz bis 2035 rund 460 000 Vollzeitbeschäftigte fehlen.
Diese Initiative würde die Schweiz zwingen, die Personenfreizügigkeit in Frage zu stellen, was automatisch die Guillotine- Klausel auslösen und alle bilateralen Abkommen zu Fall bringen würde. Glauben Sie, dass sich die Befürworterinnen und Befürworter der Initiative wirklich bewusst sind, was sie damit aufs Spiel setzen?
Die SVP positioniert sich klar gegen die bilateralen Abkommen, und ihre Initiative folgt dieser Logik. Die Infragestellung der Personenfreizügigkeit würde die Bilateralen I über die Guillotine-Klausel zum Scheitern bringen und gleichzeitig die Teilnahme der Schweiz an Schengen/Dublin gefährden, mit allen Konsequenzen für die Sicherheit und den Asylbereich. Die Initiative gibt vor, auf ein Asylproblem zu reagieren, verwendet dafür jedoch ein Instrument, das in erster Linie die Wirtschaft treffen würde. Die SVP will die Asylproblematik bekämpfen, schiesst damit jedoch ein kapitales Eigentor.
« Wenn wir die Grenzen schliessen und die Bevölkerungszahl begrenzen würden, hätte das negative Auswirkungen auf alle. »
Gleichzeitig befinden wir uns mitten im parlamentarischen Entscheidungsprozess zu den Bilateralen III. Der Zeitpunkt ist besonders ungünstig gewählt, nicht wahr?
Die SVP ist gegen die Bilateralen III. Ich glaube nicht, dass der Zeitplan Zufall ist, ganz im Gegenteil. Wenn die Initiative angenommen wird, könnte sich die Lage rasch zuspitzen und den gesamten bilateralen Weg unter Druck setzen. Das wäre ein weiterer Schritt in einer Strategie des Bruchs mit der EU.
Letztendlich wirft diese Abstimmung die grundlegende Frage auf, welche Art von Wachstum wir für die Schweiz wollen.
Tatsächlich wirft diese Initiative auf den ersten Blick berechtigte Fragen auf. Es ist jedoch zu erkennen, dass wir die Nachhaltigkeitsund Umweltprobleme in der Schweiz nicht lösen werden, indem wir die Bevölkerungszahl auf zehn Millionen begrenzen. Die Wirtschaft muss sich auf eine nachhaltige Entwicklung ausrichten, auf ein Wachstum, das stärker auf Qualität als auf Quantität setzt. Dies erreicht man jedoch nicht durch die Festlegung einer willkürlichen Obergrenze, auch wenn der Wortlaut aufgrund seiner Einfachheit auf Zustimmung stossen mag. In der Bevölkerung herrscht ein echtes Unbehagen in Bezug auf Infrastruktur, Wohnraum oder Mobilität, doch darauf muss man mit gezielten Lösungen reagieren und nicht mit einer Zahl in der Verfassung.
Der Kanton Freiburg ist ein wachstumsstarker Kanton mit einer breit gefächerten Wirtschaft. Haben Sie eine besondere Botschaft an die Freiburger Unternehmerinnen und Unternehmer?
Die Freiburger Unternehmerinnen und Unternehmer fühlen sich von dieser Initiative vielleicht etwas weniger betroffen als jene in Genf, Zürich oder Basel. Doch der Druck bei der Personalsuche wird für alle zunehmen. Es gibt nicht zwei Volkswirtschaften. Auch KMU sind von der Entwicklung der Grossunternehmen abhängig. Wenn ein Grossunternehmen wie Rolex in Bulle nicht mehr die qualifizierten Fachkräfte rekrutieren kann, die es benötigt, leidet das gesamte regionale Wirtschaftsgefüge darunter. Zudem wird es zu einem regionalen Ungleichgewicht kommen: Wenn morgen ein Unternehmen in Zürich, eines in Genf und eines in Freiburg gleichzeitig eine ausländische Arbeitskraft einstellen wollen und die Schwelle von zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern erreicht ist, wer hat dann Vorrang? Zürich, Genf oder Freiburg? Wer trifft die Entscheidung? Die Initiative liefert keine Antworten.
Weniger ausländische Erwerbstätige bedeutet auch weniger Einzahlende in die AHV, die IV und die Pensionskassen. Denken Sie, dass die Befürworterinnen und Befürworter dieser Initiative wirklich über diese Folgen nachgedacht haben?
Logischerweise müssten sie darüber nachgedacht haben. Denn wenn wir morgen die Einwohnerzahl der Schweiz bei zehn Millionen begrenzen und die Bevölkerung altert, werden wir ernsthafte Probleme haben, die erste Säule zu finanzieren. Entweder muss das Rentenalter angehoben oder die Lohnbeiträge erhöht werden, was das Nettoeinkommen der Bürgerinnen und Bürger verringert und die Kosten für die Arbeitgebenden in die Höhe treibt. Die erste Säule steht bereits unter Druck, und diese Initiative führt zu zusätzlicher Unsicherheit und verschärft den finanziellen Druck auf ihre Finanzierung.
Abgesehen vom Arbeitskräftemangel und den Finanzierungsproblemen im Sozialbereich – gefährdet diese Initiative langfristig nicht auch die Innovationsfähigkeit der Schweiz?
Die Schweiz ist ein Land ohne Rohstoffe. Ihre Stärke liegt in der Innovation und in ihrer Anziehungskraft für Talente. Müsste die Schweiz die Zuwanderung drastisch reduzieren, um unter der festgelegten Obergrenze zu bleiben, gäbe es weniger junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt und weniger Forschende an unseren Universitäten und Forschungszentren. Dies würde die Innovation bremsen und ein strategisches Risiko für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit des Landes bedeuten.
Der 14. Juni rückt näher. Was ist Ihr Appell an die Freiburger und Westschweizer Unternehmerinnen und Unternehmer, die diese Zeilen lesen?
Die Zukunft unserer Unternehmen hängt davon ab, ob wir uns gegen diese Initiative einsetzen. Oft verlassen sich KMU-Unternehmerinnen und Unternehmer auf den heimischen Markt und glauben, dass alles gut läuft. Das ist falsch. Die Wirtschaft ist ein Ganzes. Die Kleinen sind von den Grossen abhängig. Wenn wir die Grenzen schliessen und die Bevölkerungszahl begrenzen würden, hätte das negative Auswirkungen auf alle, von multinationalen Konzernen über Grossunternehmen bis hin zu KMU und kleinen und mittleren Industriebetrieben. Ich wünsche mir, dass unser Land ein Ort des Friedens und des Wohlstands bleibt, wie wir ihn in den letzten 25 Jahren erlebt haben.