Für die Koordination der Medizin in der Westschweiz


Die Ärztinnen und Ärzte der Westschweiz stehen vor mehreren ­Herausforderungen. Die Westschweizerische Ärztegesellschaft (SMSR) setzt sich für die Information der Öffentlichkeit und die Interessenvertretung
ihrer Mitglieder ein.

Die 1867 gegründete Westschweizerische Ärztegesellschaft (Société Médicale de la Suisse Romande, SMSR) vertritt die Interessen der kantonalen Ärztegesellschaften der Westschweiz gegenüber den kantonalen Behörden sowie den Versicherern. Kürzlich hat sie ihr Verwaltungsmandat an den FAV übertragen. Ihr Präsident, Dr. Philippe Eggimann, beschreibt einen Berufsstand unter Druck, der sich mit zunehmendem Verwaltungsaufwand, einem allgemeinen Personalmangel und teilweise widersprüchlichen politischen Forderungen konfrontiert sieht.

Die SMSR wurde vor über 150 Jahren von den kantonalen Ärztegesellschaften der Westschweiz gegründet und war massgeblich an der Gründung der FMH im Jahr 1901 beteiligt. «Unsere Ziele haben sich seither nicht geändert», betont Dr. Philippe Eggimann, der seit 2018 Präsident der SMSR ist. «Wir müssen den beruflichen Zusammenhalt in der Westschweiz stärken und die interkantonalen Positionen angesichts der aktuellen Herausforderungen im Gesundheitswesen koordinieren.»

Der Verband agiert vergleichsweise diskret und ist daher ausserhalb der Führungsgremien eher wenig bekannt. «Dieser Berufsverband ist selbst einem Teil der Ärztinnen und Ärzte der kantonalen Gesellschaften der Westschweiz nicht geläufig, da sich die Arbeit hauptsächlich auf die Präsidentinnen und Präsidenten dieser Gesellschaften konzentriert und themenspezifisch erfolgt – etwa im Rahmen der Tarif­reform TARDOC», erklärt Philippe Eggimann.

Die SMSR versteht sich als Koordinationsplattform zwischen den kantonalen Gesellschaften und den Partnern des Gesundheitssystems. «Wir vertreten die Ärztinnen und Ärzte gegenüber den kantonalen Behörden und den Versicherern und übernehmen gleichzeitig eine Informationsfunktion für alle Akteure des Gesundheitssystems», so der Präsident. Darüber hinaus beteiligt sich die SMSR an der Finanzierung der Revue Médicale Suisse, einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift, die der ärztlichen Fortbildung besondere Bedeutung beimisst.

Diese neue Tarifstruktur wurde von Beginn an so konzipiert, dass eine Aufwertung der Abrechnung von Grundversorgungsleistungen möglich wird. Philippe Eggimann erläutert: «Die Schulungen und Informationen der FMH, der kantonalen Ärztegesellschaften und der Fachgesellschaften sollen eine einheitlichere Anwendung dieser neuen Tarifstruktur ermöglichen, als dies bei TARMED der Fall war, damit die genannten Ziele erreicht werden können.» Zum jetzigen Zeitpunkt besteht keine Notwendigkeit, die IT-Systeme der Arztpraxen neu zu organisieren, da ihre Abrechnungs­module entsprechend angepasst wurden.

Ärztemangel, die zentrale Herausforderung

Die grösste Herausforderung für den Verband stellt der Ärztemangel dar, der sämtliche medizinische Fachgebiete betrifft. «Es handelt sich um ein weitverbreitetes Problem, vergleichbar mit dem, was zahlreiche Wirtschaftszweige derzeit durchleben», analysiert Philippe Eggimann. Er betont, dass nur rund 40 Prozent der Spitalärztinnen und -ärzte in der Schweiz ausgebildet wurden: «Wir müssen vorsichtig sein, denn wir sind stark von unseren Nachbarländern abhängig.»

Hinzu kommt eine stetig wachsende Nachfrage, die durch die Alterung der Bevölkerung zusätzlich verstärkt wird. «Ein Viertel der Bevölkerung ist über 65 Jahre alt und beansprucht 60 Prozent der Gesundheitsressourcen», erinnert er. Um diesen Engpässen entgegenzuwirken, beteiligt sich die SMSR gemeinsam mit ihren Partnerorganisationen in der Deutschschweiz und im Tessin an strategischen Überlegungen zur ärztlichen Ausbildung sowie zur Neuorganisation des Gesundheitssystems. Dabei wird insbesondere angestrebt, andere Gesundheitsfachkräfte schrittweise zu integrieren.

Eine ehrgeizige Tarifreform

TARDOC, die neue medizinische Tarifstruktur, die am 1. Januar 2026 in Kraft getreten ist, stellt für den Berufsstand eine grosse Herausforderung dar. Für die SMSR ging es darum, eine uneinheitliche kantonale Umsetzung sowie wiederholte Konflikte über Abrechnungs- und Kontrollregeln zu vermeiden. In diesem Zusammenhang spielte die Organisation eine zentrale Rolle bei der interregionalen Koordination.

«Wir haben eine Absichtserklärung mit H+ (Dachverband der Spitäler und Kliniken) und prio.swiss (Dachverband der Krankenversicherer) unterzeichnet, um eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die eine Methodik zur Festlegung des Taxpunktwerts definiert hat, unter Berücksichtigung der Entwicklung der Praxiskosten», erklärt Philippe Eggimann.

Was den Inhalt der Reform betrifft, soll TARDOC einfacher und transparenter sein als TARMED. Es berücksichtigt das vom Bundesrat und vom Parlament vor­geschriebene Prinzip der Pauschalabrechnung der Leistungen. Der Präsident präzisiert: «Im Gegensatz zu TARMED garantiert TARDOC, dass die Tarifpartnerschaft zwischen Leistungserbringern und Versicherern entwicklungsfähig bleibt. Zudem ermöglicht es künftige Weiterentwicklungen, um sich den medizinischen Fortschritten anzupassen.»

 

Mit der Einführung von TARDOC wurden Befürchtungen hinsichtlich eines möglichen Kostenanstiegs laut. Teilt die SMSR diese Sorge? «Objektiv betrachtet, nein», antwortet der Präsident. «Das KVG schreibt bei der Einführung jeder neuen ambulanten Tarifstruktur Kostenneutralität vor. Der Bundesrat hat daher festgelegt, dass in den nächsten drei Jahren jede nicht begründete Erhöhung von mehr als 1,5 Prozent ausgeglichen wird. Damit dürfte es nicht mehr möglich sein, ungerechtfertigte Prämienerhöhungen in der obligatorischen Krankenversicherung zu rechtfertigen.»

Über den Mechanismus hinaus greift der Präsident einer Debatte vor, die sich rund um Prämien und Reserven eröffnen könnte. «Angenommen, der Kostenanstieg in der obligatorischen Krankenversicherung fällt erheblich aus. Statt eine Prämienerhöhung im Folgejahr zu rechtfertigen, müsste verlangt werden, dass der Ausgleich über die Reserven der Versicherer erfolgt, bis die notwendigen Korrekturen bei bestimmten Tarifen greifen», betont Philippe Eggimann. Dabei erinnert er daran, dass diese Reserven in einem zeitlich begrenzten Rahmen genutzt werden können. Seiner Ansicht nach «könnte dies auch eine Gelegenheit sein, die Verwendung dieser Reserven transparenter zu machen».

Ein ausgewogenes politisches Engagement

Der Präsident wird diese Debatten zwar verfolgen, doch die SMSR nimmt keine einseitigen Positionen ein. Stattdessen vermittelt sie sachliche Informationen über die Organisation des Gesundheitssystems und die Rahmenbedingungen der ärztlichen Tätigkeit. Kürzlich hat sie sich gegen eine Initiative eingesetzt, die eine willkürliche Deckelung der Gesundheitsausgaben einführen wollte. Stattdessen sprach sie sich für die Einführung einer einheitlichen Finanzierung aus, die den jährlichen Anstieg der Prämien auf das Niveau der allgemeinen Gesundheitskosten senken soll, das deutlich tiefer liegt.

Während seiner Präsidentschaft möchte Philippe ­Eggimann dazu beitragen, die Stimme, die Anliegen und insbesondere die Vorschläge der Westschweizer Ärztinnen und Ärzte – unabhängig von Fachgebiet und Tätigkeitsort – gegenüber Partnern, Behörden und der breiten Öffentlichkeit zu vertreten.